Jura-Brevet II

Start: 08. Juni 2024
Länge: 607 Kilometer
Höhendifferenz: 5500 Hm
Maximalzeit: 40 h
maximal 90 Teilnehmer
Unbedingt Personalausweis mitnehmen
Beleuchtung nach StVO und Warnweste sind Pflicht


Streckencharakter:

Die Strecke führt uns auf meist kleinen bis kleinsten Straßen weit in die einsamen und dünn besiedelten Höhen des Schweizer und französischen Juras. Aus Satellitenperspektive sieht die Strecke aus wie ein „langer Schlauch“, aber die typischen Jura-Landschaften von Hin- und Rückfahrt könnten unterschiedlicher kaum sein. Wir steigen durchs wellige, liebliche Sundgau auf die rauen und windigen Hochflächen des Jura und fahren zurück durch die Flusslandschaften und Schluchten von Lison, Loue, Dessoubre und Doubs bis hinunter zum Rhein-Rhone-Kanal und schlussendlich zurück zum Rhein.

So gut wie alle Höhenmeter ballen sich zwischen KM 70 und KM 420, was natürlich auf diesem Abschnitt eine ordentliche Quote ist. Es bleibt anspruchsvoll. Also heisst es wieder mal: Kraftsparend, geduldig und ruhig in den Bergen fahren, die Zeit kann dann auf den letzten Kilometern wieder rausgefahren werden.

Wir bewegen uns 200 Kilometer lang – teils nachts – ständig auf Höhen zwischen 800 und 1200 Metern. Nächtliche Temperaturen von um die 10° sind im Juni die Regel und wenn es kalt und nass wird, können es auch schon mal bis zu 10° weniger sein. Die Versorgungslage ist schon tagsüber nicht üppig und ab 21:00 sind wir auf uns allein gestellt, bis frühmorgens die ersten Bäcker wieder öffnen. Natürlich ist das alles machbar, aber man sollte sich schon darauf einstellen...

Streckenbeschreibung:

Die "schwarze Piste" (Bericht von Andi Herrmann) wurde so weit abgespeckt, dass die Strecke nun eigentlich fast schon "Jura III" heissen könnte. Das ist die eine gute Nachricht. Die zweite: Alle landschaftlichen Highlights und damit auch sämtliche Hauptanstiege bleiben uns erhalten. Wegrasiert wurde viel von der zermürbenden Hügelei - dafür dürfen wir uns auf der Rückfahrt früher mit der Ebene befassen.

Wir verlassen Freiburg Richtung Südwesten und überqueren den Rhein bei Neuenburg. Die mittelalterliche Ritterburg, die bei Hombourg aus der Ebene ragt wie ein Spuk, vermag unsere Aufmerksamkeit wohl nur kurz zu fesseln, würden wir uns aber eine Minute Zeit dafür nehmen, würden wir feststellen, dass Türme und Zinnen aus Beton gegossen sind. Die Recherche wie, wann und warum dieses Unikum hierher gekommen ist, verschieben wir auf später.

Und schon liegt sie hinter uns, die öde Ebene und wir tauchen ein in die Hügel des Sundgaus. Das Sundgau. Die Fahrt allein hierher wäre von Freiburg aus schon eine lohnende, wunderschöne und erfüllende Tagestour gewesen. Dörflein wie von vorgestern liegen zumeist in schmalen Tälern an Bächen und Flussläufen und bei all der Ruhe, die sie ausstrahlen ist nur schwer vorstellbar, dass auch hinter den bunten Fachwerkmauern das digitale Zeitalter begonnen hat. Eine verschreckte Katze hier und ein kläffender Hofhund dort scheinen die einzigen Bewohner zu sein – die Vögel gehen nach ohrenbetäubendem frühmorgendlichen Konzert nun im Verborgenen ihren Geschäften nach. Und sobald unsere bunte Schar durch die verwinkelten Gassen gehetzt und um die Ecke gebogen ist, versinkt alles wieder in ländlicher Beschaulichkeit. Von Dorf zu Dorf, von Hügelkette über Hügelkette arbeiten wir uns so Stück für Stück höher und kurbeln an der erhabenen Burg von Ferrette (Pfirt), wo die Mömpelgards einst hausten, vorbei erstmals in die Schweiz.

Wenn wir dann nach einer steilen Passage bei Asuel (dt.: Hasenburg) erst mal oben sind, widerstehen wir standhaft der Versuchung, zum Doubs und seinen Schleifen hinunterzufahren und genießen dafür von der Höhenstraße aus tolle Aussichten übers weite Tal von Delémont und in die uns vom 300er bekannten Berge des Schweizer Jura.

St. Brais ist der erste Ort von dem ab auf einmal alles anders ist. Wir sind auf dem Weg in und über die um tausend Meter hoch gelegenen kargen „Hochebenen“ des Jura. Ja, aber nur wenn man auch ein Wellblech als Ebene bezeichnet, hat dieser Ausdruck seine Berechtigung – irgendwie geht es doch so gut wie immer rauf und runter. Die Ortschaften und einzelnen Höfe sind meist niedrig in die Landschaft geduckt und es scheint, dass meterdicke Mauern nötig sind, um sich hier oben geborgen und sicher zu fühlen. Während im Sundgau blumenübersäte Vorgärten mit Gartenzwergidyllen teils bizarre Stilblüten treiben, scheint hier niemand die Zeit und Muße für solchen Schnickschnack übrig zu haben. Wozu auch – hier oben scheinen sowieso nur Gras, Steine und Bäume zu gedeihen, und davon ist weit ums Haus rum sowieso mehr als genug vorhanden. Eine harte, raue Gegend, es war wohl zu keiner Zeit einfach, hier oben sein Dasein zu fristen.

Auch uns fliegen die gebratenen Tauben nicht an jeder Ecke ins Maul, Einkaufsmöglichkeiten sind nicht dicht gesät und wenn unsere Vorräte zur Neige gehen, sollte man schon gegen Nachmittag jede Gelegenheit nutzen, um sich schon mal für die Nacht zu versorgen. Das landesübliche Zahlungsmittel ist hierzu recht hilfreich – nicht in jedem kleinen Laden und jeder Kneipe wird hier der weiche Euro akzeptiert. Und es gibt tatsächlich noch Gegenden in Europa, wo Samstagnachmittag viele Läden einfach mal so geschlossen sind.

Wir mogeln uns hinten rum knapp an La Chaux des Fonds vorbei, fahren gar nicht mehr in die Stadt runter, halten unsere Höhe und steigen auf Rad- und Wirtschaftswegen noch weiter auf in Richtung Col Vue des Alpes. Und wenn wir schon mal wieder so weit oben und so nah dran sind, schauen wir halt mal wieder da rüber, in die (bislang noch nie gesehenen!) Alpen. Wir geben die Hoffnung nicht auf, vielleicht klappt´s ja diesmal.

Das herrliche Hochtal von La Sagne rollen wir diesmal durch bis zum äußersten Ende, überqueren den Talabschluss auf Schleichwegen an Berghöfen und Almen vorbei und stürzen unvermittelt steil ins dichter besiedelte Tal der Areuse ab. Irgendwo zwischen Travers (km 203) und Fleurier (km 213) oder spätestens in Vallorbe (km 250) wird für viele der Zeitpunkt sein, ihr sauer verdientes Geld in Schweizer Franken für ein Abendessen zu investieren. Danach kommt bis und zwischen Mouthe (km 293) und Salins-les-Bains (km 340) nicht mehr viel. Wie gesagt, ab 21:00-22:00 räumt der Koch in den meisten Gaststätten zusammen und nur mit viel Zureden und gutem Willen kann er dann manchmal noch auf ein paar schnelle Nudeln überredet werden, dann ist hier meist Feierabend, es gibt keine vierundzwanzig Stunden Öffnungszeiten von irgendwas, wenn man mal von Automaten absieht.

Zurück ins Hochjura - hier gehts nur noch rauf und runter. Sechs Kilometer lang geht´s mit 5-7% aus dem Tal der Areuse auf den „Col des Etroits“ auf 1152 Meter. Dann wieder runter nach Les Fourgs - wir sind übrigens wieder in Frankreich - mühen uns über den nächsten Rücken, nur um nach langer, steiler Abfahrt wieder tief unten im schweizerischen Vallorbe zu landen. Verwirrt? Macht nichts, es gibt Momente auf dieser Tour, wo einem nicht mehr ganz klar ist, welches Geld man jetzt gerade mal wieder zum Zahlen hervorkramen soll, Hauptsache, man hat genug dabei…

Der Aufstieg von Vallorbe auf den „Col du Mont d´Orzeires“ auf 1061 Meter gehört mit 10-12% Steigung vor allem im unteren Teil zu den steileren der etwas längeren Sorte, aber nach sieben gefahrenen Kilometern wird auch dieser Pass Teil unserer Geschichte sein. Das Ergebnis der Passauffahrt: Sie endet in einem weiten Tal am größten See in diesem Gebirge. Der tausend Meter hoch gelegene Lac de Joux - ein See ohne Abfluss - allein ist eine Reise wert. Die Seeumrundung gibt uns eine kurze Atempause, dann geht es weiter rauf und runter und rauf und runter.

Salins les Bains ist eine jener Kleinstädte, in denen sich anscheinend die Jugend und Nachtschwärmer der gesamten umliegenden Orte sammeln und in irgendeiner der Kneipen tobt meist das Leben lange noch bis zur Erschöpfung. Mit etwas Glück finden wir diese auch und finden auch noch etwas Zuspruch, Aufmunterung, kuriose Begegnungen und das eine oder andere Getränk für die nächsten Kilometer.

Ornans jedoch ist um diese Zeiten meist aber schon längst wie ausgestorben bis es um 07:00 mit der Öffnung der ersten Bäcker wieder erwacht. Es wird einige Zeit und über fünfundzwanzig Kilometer dauern bis wir uns die Hochfläche wieder erarbeitet und überwunden haben. Vor allem den schnelleren Fahrern würden wir raten, in Ornans ein Schläfchen zu halten um den Aufstieg durch die Schlucht der Loue bei Tageslicht zu erleben, sie ist ein Highlight des Brevets. Die steilen Kalksteinwände des Tals enden in einem halbrunden Talkessel, Erinnerungen werden wach an ähnlich spektakuläre Orte weit, weit im Süden Frankreichs, hier würde man dies eher nicht vermuten. Nach Überwinden der Hochfläche ist Schluss mit dem Gehügele und wir können es durch idyllische Dessoubre-Tal erst mal lange laufen lassen, erstmals so richtig lang seit der Rheinebene am Anfang – wie viele Ewigkeiten ist das jetzt her?

Im Gegensatz zum letzten Mail bleiben wir nach St. Hippolyte unten am Doubs und biegen zum Rhein-Rhône-Kanal ab. Die unangenehme D473 nach Montbeliard ist der Preis, den wir für die weitgehend hügelfreie Rückfahrt bezahlen müssen und wir sind froh, wenn wir in die beschauliche Ruhe am Kanal eintauchen können. Wir bleiben ein Stück weit auf dem Fernradweg EuroVelo 6, der vom Atlantik zum schwarzen Meer führt. Vielleicht sehen wir ja sogar den einen oder anderen Radler, der richtig weit Rad fährt und nicht schon nach 40 Stunden wieder zu Hause ist.

Hier noch der ultimative Verpflegungstipp: Direkt am Kanal, bei Dannemarie (KM 520)  ist ein Imbiss, mit „hundert Nudelgerichten“. Pasta nach französischer Art weichgekocht in Pappbecher, ein herrliches, überraschend schmackhaftes und recht schnelles ****Sterne Menu für ausgehungerte Randonneure. Und Frischgezapftes oder anderes Kalt- und Warmgetränk gibt´s obendrein. Die Nudeln gibt´s aber unverständlicherweise nur von 10:30 bis 14:00 und von 18:00 bis 21:00 - Getränke, Cafe, Kuchen und Eis aber durchgängig…

Damit es uns nicht allzu öde wird, verlassen wir den Kanal kurz danach und biegen Richtung Norden ab, in eine überraschend nette ländliche, sanft-wellige Ecke westlich von Mulhouse. Richtung Fessenheim geraten wir allerdings wieder mal kurz in die Fänge der D2 - aber das nehmen wir in Kauf um so kurz vor dem Ziel keine Umwege mehr machen zu müssen. Jetzt reicht's und wir wollen alle ans Ziel, zum "Augustiner" wo wir uns wohlverdient verpflegen, ausruhen und über das Erlebte austauschen können.